Ich bin korrupt! Sie auch?

Liebe Leserinnen und Leser, lassen Sie mich bitte ein wenig herum-denken …

„Was war die Leistung?“

Diese und ähnliche Fragestellungen sind mittlerweile in Politik und Gesellschaft selbstverständlich, an der Tagesordnung und in den Kreisen all jener ethischen Winzlinge und überbordend Mächtigen, die Korruption aktiv und alltäglich leben, längst hoffähig. Das Auffliegen größerer Causen a la Grasser, Meischberger, Mensdorff, Kartnig etc (es gilt natürlich die Unschuldsvermutung …) wird von Anwälten, Justiz und Lobby-Netzwerken elegant begradigt und zurechtpoliert. Den Betroffenen kostet es einen Lacher und sie alle tauchen ungeniert und ungeächtet weiter in der Schnucki-Putzi-Hasi-Gesellschaft auf. Die ORF-Seitenblicke sind wieder dabei!

Korruption liegt dann vor, wenn es Leistung ohne beziehungsweise eine ethisch-moralische oder gesetzlich inakzeptable Gegenleistung gibt. Oder wenn Missbrauch einer Vertrauensstellung erfolgt, um für sich oder Dritte einen materiellen oder immateriellen Vorteil zu erlangen, auf den kein rechtmäßiger oder ethischer Anspruch besteht.

Halt! Leistung ohne Gegenleistung?
Ja, ich bin auch korrupt. Schwer korrupt! Was habe ich schon alles erhalten, ohne dafür echt gegeben zu haben …

Als Kind habe ich regelmäßig eine alte Tante besucht, die alleine lebte und sich immer sehr freute, mich zu sehen. Ich freute mich vor allem über das Taschengeld bei jedem Besuch. Korruption pur.
Selbst im breiten Umfeld der Corporate Governance wurde ich zum Mittäter. Beispielsweise wurde ich damals als Marketingverantwortlicher eines internationalen Konzerns von einem Dienstleister zu einem lustigen Rundflug mit seinem kleinen Privatflugzeug eingeladen. Natürlich alles nur unverbindlich und ohne Hintergedanken des Einladenden … 
Die persönliche Beziehung wurde in der Luft natürlich privat und noch dazu, weil ich selbst pilotieren durfte, emotional sehr offen. Der Anbieter setzte sich dann gegen 2 Mitbewerber als Besserbietender durch und bekam von mir den Auftrag.

Oder Arbeitsessen im Steirereck mit Geschäftspartner, Vorstellung neuer Produkte, Emotionalisierung, Markttest mit den neuen Produkten des Einladenden ohne Gegenangebote zu forcieren.
Bin ich nun ein korruptes Schwein?

Eine fesche Freundin, mit der es zu näheren Kontakten kommt, weil sie in Wahrheit wenig Erotik, aber umso bessere Business-Kontakte hat!? Oder: Das Freundlichsein und Umgarnen der Nachbarin, weil man die beim eigenen Grundstück angrenzende Wiese von ihr trotz Widerständen kaufen möchte.

Ich lade einen Entscheidungsträger zu einer Studienreise nach Japan ein; unter dem Motto „gemeinsame Marktstudie“!?
Und dann …
Falscher Hund oder korrupter Korrumpierer?

Wo ist die Grenze zu ziehen? Was ist unmoralisch? Wer hat den Schaden? Wie würde ich heute handeln? Auf welcher Wertebasis entscheide ich? Was bedeuten die sogenannten „kleinen Fehlverhalten“ für die Organisation, das Unternehmen?

Das Leben durch die Korruptionslupe betrachtet wird uns alle – oder zumindest sehr viele von uns – da oder dort über eine „linke oder nicht ganz rechte“ Stufe stolpern lassen.

Früher nannte man die Mechanik, die uns davor bewahren sollte, „Gewissen“!

Erinnern Sie sich noch daran? Dieses Wort ist nahezu aus dem außerkirchlichen Sprachgebrauch verschwunden. Dabei ist es selbst aus systemischer und konstruktivistischer Sicht aktueller, denn je.

Erkennen wir Gewissen als jenen selbstreflektorischen, an der persönlichen Wahrnehmung und Wertehaltung gemessenen Richtwert für das persönliche Verhalten an, dann sind wir schon beim Systemmodell und Maturana, Foerster und Watzlawick.

Der moderne Führungsansatz des Positive Leadership bildet ein höchst geeignetes Feld das Thema der gedanklichen Unsauberkeiten und der handlungsrelevanten Unsicherheiten durchzudenken und Konsequenzen zu ziehen.

Den gesamten Formenkreis von Korruption und Korrumpieren können wir im privaten Umfeld und in Organisationen / Unternehmen / Politik / Verbänden wohl am besten mittels systemischen Coachings und systemischer Beratung hinterleuchten und nachhaltig bearbeiten.

Ab sofort agiere ich gewissenhaft und „unkorrupt“!

Harald Franzke