Im Würgegriff der Ignoranz

Harald Franzke

Ab und zu krank ist völlig normal. Der lebende Organismus braucht Disbalancen zu Ausgleich, Heilung und Erneuerung.  Der Wechsel von kalt und warm, der leider in unserer überzivilisierten Gesellschaft verloren gegangen ist, bewirkt Stimulation des Immunsystems und damit bessere Abwehr von Angriffen durch Aggressoren wie Stress, Bakterien oder Viren.

In Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – betrieben durch Menschen und daher ein lebendiges System – sind es Krisen und Kollapse, die Disbalance und Krankheit signalisieren. Paradigmenwechsel waren die Folgen von Krisen. Die großen Motoren der Konjunktur haben im Sinne der Kondratieff-Wellen die Vergangenheit in großen Zyklen durch Basisinnovationen geprägt: Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrotechnik/Chemie, Energie und Auto, Informationstechnologie. Und was kommt jetzt?

Seit etwa 30 Jahren prägen zyklische Krisen unsere Zeit: Börsencrash, Asienkrise, Russlandkrise, Bankrott Argentiniens, Internet-Blase, Immobilienkrise, etc. Die Anhäufung von Krisen ist evident. Krise im System Weltpolitik und Weltwirtschaft bedeutet Krankheit.

Die Selbstheilungskräfte des Systems schwinden durch die Nicht-Ausheilungschancen der Krankheiten. Das Immunsystem schafft den Turnaround offensichtlich nicht mehr. Die Krisen werden immer umfassender und heftiger.

… und wir schauen zu und warten auf die immer unwahrscheinlicher werdende Rettung!

Auf alle Krisen folgte ein Paradigmenwechsel und damit Innovation und Orientierung.
2008 aber nicht mehr! Nach dem Finanzcrash wurde es sträflich versäumt Grundlegendes neu zu denken, radikal alles zu ändern. Der gescheiterte Neoliberalismus blieb.

Wandel ist unerwünscht. Krisen sind mittlerweile gewollt. Der Kapitalismus wurde durch Planwirtschaft der Notenbanken ersetzt. Und dort entscheiden Menschen, die niemand gewählt hat!! Sie kaufen massenweise Staatsanleihen und sogar Aktien und steuern so Politik und Wirtschaft wesentlich. Niemals zuvor ist das Vermögen der Superreichen schneller und stärker gewachsen als heute, nie haben sich Staaten günstiger auf Rücken und Kosten der Bürger verschuldet – und auch entschuldet – als heute. Mit Steuergeldern werden fahrlässig ruinierte Banken mittels schnell im Parlament durchgewinkten Gesetzen saniert.

Wohlstand, Demokratie und letztlich Freiheit bleiben auf der Strecke.
Und wir alle schauen diesem zerstörerisch-kriminellen Treiben zu …

Die Befreiung aus dem Würgegriff der Finanzmärkte ist das Gebot der Stunde. Sonst werden die gut funktionierenden Werkzeuge Marktwirtschaft und Kapitalismus endgültig zu den Killern unseres Wohlstandes. Die gewollten – oder auch manchmal einfach passierten -exorbitanten Fehler der Finanzwelt schreien nach Regulierung. In allen Märkten funktioniert die Freiheit des Spieles. Mit Ausnahme des Finanzmarktes!

Unregulierte Kapitalflüsse schaffen Spekulationen und Blasen und führen zum Kollaps. Die deutlich sichtbare Gruppe derjenigen, die weltweites Kapital und Wirtschaft kontrollieren, hat natürlich kein Interesse an Regulierung. Politiker und Verwalter des Wohlstandes sind schlicht zu dumm, um den momentanen Status quo der sterbenden Volkswirtschaften zu erkennen bzw. etwas kraftvoll-radikales dagegen zu tun.

Das System des Euro ist gescheitert, die EZB kauft weiter mit Irrsinn Unmengen an Anleihen auf, die Transparenz von weltumspannenden Programmen aller TTIP fehlt, Staaten-Insolvenzen werden ignoriert, Trennbanken zur Neutralisierung der Finanzschwerpunkte fehlen, europaweites Staatsschulden-Management fehlt, der neutrale Notenbank-Präsident ohne subtile Netzwerkinteressen fehlt.

Die Aufgaben sind groß, riesig und können nur durch systemische Sichtweisen ganzheitlich gehandhabt werden. Selbst auf dieser hohen Ebene der im Zusammenbruch befindlichen Wirtschafts-, Sozial- und Politiksysteme ist systemisches Coaching und systemische Beratung – mit optimierter Neutralität – das Mittel der Wahl.

 

Harald Franzke