Kennen Sie Luhmann?

Harald Franzke

Niklas Luhmann war Jahrgang 1927. Sohn einer Brauer- und Hotelierfamilie. Er wurde Verwaltungsfachmann per Studium und vor Langeweile besuchte er Unmengen anderer Vorlesungen unterschiedlichster Wissenschaften. Unter anderem lernte er auch die Systemtheorie in ihren ersten Ansätzen bei Talcott Parsons kennen. Begeisterung war die Folge. Niklas, der Verwaltungsfachmann wurde zum Titan der Soziologie!

Sein Forschungsanliegen war es, herauszufinden, wie die Gesellschaft funktioniert. Dabei war ein Ausgangspunkt die Systemtheorie von Parsons, der andere entstammt der Biologie. Das war nicht ungewöhnlich, denn schon einer der Begründer der Soziologie Herbert Spencer, ein Zeitgenosse Darwins, hatte die Soziologie aus der Psychologie abgeleitet und die Psychologie ihrerseits aus der Biologie.

Aber soziale Systeme sind damit keinesfalls eine besonders komplizierte Form von biologischen Systemen. Auch wenn der Mensch zweifellos ein Lebewesen ist … Weil soziale Systeme nicht aus dem Austausch von Stoff- und Energieumsätzen von Lebewesen bestehen, sondern aus dem Austausch von Kommunikation und Sinn. Kommunikation und Sinn sind aber etwas so grundsätzlich anderes als etwa Proteine, dass es sich für einen Soziologen überhaupt nicht lohnte, weiter darüber nachzudenken. Von der Biologie zu lernen, bedeutete für Niklas Luhmann etwas anderes.

Seine Inspiratoren waren die chilenischen Hirnforscher Humberto Maturana und Francisco Varela. Zentrale Frage der beiden Herren war unter anderem: „Was ist Leben?“

Maturana erklärte Leben als ein System, das sich selbst hervorbringt und organisiert. Organismen hätten somit ständig damit zu tun sich am Leben zu erhalten und sich dadurch zu erzeugen. Das nannte Humberto Autopoiese, also: Selbsterzeugung. Gleichzeitig schuf Maturana auch eine neue Definition von Kommunikation. Wer kommuniziert übermittelt nicht einfach eine Information. Vielmehr organisiert er mit seiner wie auch immer beschaffenen Sprache ein System. Bakterien tauschen sich aus miteinander aus und bilden ein ökologisches System. Hirnregionen kommunizieren und erzeugen ein neuronales System, das Bewusstsein.

Luhmann denkt natürlich sofort auch an soziale Systeme. Ein autopoietisches System, entstanden durch sprachliche – und damit symbolische – Kommunikation.

Beim lieben Niklas handeln Menschen nicht mehr: Es geschieht Kommunikation! Und es ist weitgehend egal, wer da kommuniziert. Entscheidend ist nur: Mit welchem Ergebis?

Naja, ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist der Ansatz schon, oder?

In in der menschlichen Gesellschaft tauschen sich nicht vordergründig Stoffe, Energien, Bakterien oder Neuronen zu einem System aus, sondern „Erwartungen“. Wie werden allerdings Erwartungen ausgetauscht? Welche Erwartungen erwarten wir? Und was entsteht daraus? Die Systemische Beratung und das Systemische Coaching beschäftigen sich genau damit.

Wie schafft es die Kommunikation, Erwartungen so auszutauschen, dass moderne soziale Systeme entstehen? Solche, die weitgehend stabil und unabhängig von anderen Einflüssen funktionieren. Systeme wie die Politik, die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft, die Religion, die Erziehung, die Kunst oder – die Liebe.

Genau an diesen Fragestellungen arbeiten wir doch ununterbrochen; sei es wir bei TOGETHER professionell, oder wir alle tagtäglich im Privaten!

Darüber weiter, tiefer und intensiver nachzudenken ist hochinteressant und macht Feude, glaubt

Ihr Harald Franzke
(angeregt von R. D. Precht)